Pferde

Ein arabisches Sprichwort sagt: „Ein Pferd ohne Reiter ist immer noch ein Pferd, ein Reiter ohne Pferd ist nur ein Mensch“.

In diesem Sprichwort steckt – nicht nur für Pferdeliebhaber – mehr Wahrheit, als uns Menschen manchmal lieb ist. Die Beziehung zwischen Mensch und Pferd ist eine ganz Besondere und sie kann eine außergewöhnlich schöne und bereichernde sein. Dass gilt vielleicht gerade ganz besonders dann, wenn man – wie ich- eine Behinderung hat. Ich selbst gehe (mit zwei langjährigen Unterbrechungen) zur Reittherapie seit ich drei Jahre alt bin. Hier kommt das Beweisfoto:

Torsten Mit knapp 3 Jahren bei der Reittherapie in Fürth

Was einmal als Therapie begann ist inzwischen weit mehr als „nur“ das. Die Schrittbewegungen des Pferdes sind ohne jeden Zweifel ein wunderbares Mittel zur Lockerung meiner Beinspastiken und durch sie erreiche ich einen Grad der Muskelentspannung, den ich selbstständig niemals erreichen könnte. Gleichzeitig fördern sie meine Körperbeherrschung und meinen Gleichgewichtssinn. Darüber hinaus wird durch gezielte kankengymnastistische Übungen auf dem Pferderücken die Koordination der Bewegungen und des Körpers geschult. Mittel und Übungen hierzu sind vielfältig. Ich beantworte hierzu gern Fragen und werde über meine Erfahrungen in der Reittherapie hier in regelmäßigen Posts berichten.

Doch der Pferdevirus hat mich voll und hoffentlich für immer unheilbar erwischt. Nicht nur, weil es mir als Therapie gut tut, sondern weil ich immer wieder spüre, wie anders Pferde auf mich zu gehen. Es scheint fast, als spürten sie, wie gut sie mir tun. Meine große Pferdeliebe heißt Felix und ich werde wohl auch nie die erste Begegnung mit ihm vergessen. Ich betrat den Reitstall und hatte ein langes Gespräch mit meiner Krankengymnastin. Zum Abschluss sagte sie:  „Jetzt hole ich dir dein Pferd.“ Ich war zunächst etwas überrascht, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass man bereits nach dem ersten Gespräch wissen konnte, welches Pferd für mich infrage kam. Ich war neugierig was nun passieren würde. Wenige Minuten später kam die Krankengymnastin mit einem Pferd zurück, was mir zunächst einen riesigen Schrecken einjagte. Er wirkte unglaublich groß und ungeheuer breit. Ich hatte zwar nie Angst vor Pferden, aber dieses Pferd nötigte mir Respekt ab, mehr als ich es bisher bei Pferden gewohnt war. Die Krankengymnastin sagte zu dem Pferd: „Du bleibst hier stehen und tust nichts!“ Das Pferd tat fast wie ihm geheißen. Ich habe noch niemals in meinem Leben ein Pferd so ruhig, so still und so korrekt stehen sehen. Plötzlich nahm er den Kopf nach vorne, begann an mir zu riechen, auch an meinem Rollstuhl. Völlig unvermittelt „küsste“ mich das Pferd ganz behutsam mit seinen Lippen auf die Nase. Das Eis zwischen uns war gebrochen. Die Krankengymnastin war sich zunächst unsicher, ob sie das zulassen sollte. Ich nickte ihr ohne viele Worte zu und begann, dem Pferd die Nüstern zu kraulen. Was in diesem Moment durch meinen Kopf ging, kann ich kaum beschreiben. Es war, als wäre zwischen mir und diesem Pferd ein stillschweigendes Einvernehmen entstanden, dass wir uns mögen würden. Und bereits an diesem Tag wurde mir klar, dass Pferde – und ganz besonders dieses Pferd – meinen Körper anders sehen, als das Menschen tun. Für ihn schien nicht wichtig zu sein, dass ich nicht gehen konnte oder diese oder jene Bewegung nicht, oder nur in anderer Form beherrschte. Er ließ es zu, dass ich ihn streichelte und wirkte auf mich als würde er meine Berührung genießen.  So, nun hab ich so geschärmt von diesem Pferd und ich finde, es ist an der Zeit, dass er mal ins Bild kommt,oder?

Hier ist Felix, meine große Liebe auf vier Hufen!

Ich mit einer Reittherapeutin auf Felix

Leider zeigte sich in den ersten Reitstunden diese besondere Verbundenheit keineswegs. Ich fühlte mich nach wie vor unsicher auf dem Pferderücken und irgendwie war auch die Schrittbewegung noch ganz schön wackelig. Ich begann, an der Richtigkeit der Wideraufnahme der Therapie zu zweifeln. Und dass, obwohl ich dieses Pferd wirklich mochte und ein wunderschönes Tier fand. Auch die krankengymnastischen Übungen machten am Anfang nahezu überhaupt keine Fortschritte. Dann ging ich zum Auslandsstudium nach Großbritannien. Ich entschied mich, zum ersten Mal in meinem Leben, Pferdezeitschriften zu lesen um den Kontakt zu den Tieren auf diese Weise aufrechtzuerhalten. Was genau mich damals auf diesen Gedanken brachte, vermag ich gar nicht mehr zu sagen. Es war irgendwie eine spontane Idee. Ich weiß nur noch, dass ich mir auch überlegte, dass es mein englisches Vokabular erheblich vergrößern würde. Doch kurioserweise fand sich bereits in der dritten oder vierten Zeitung, die ich kaufte einen für mich zwar nicht zutreffenden aber dennoch sehr bemerkenswerten Artikel.

Ein Profireiter wandte sich an Pferdeexperten, da er fühlte, dass er mit seinem Pferd zwar gut arbeitete, aber dennoch nicht recht voran kam und keine Weiterentwicklung zu verzeichnen war. Die erstaunliche Antworten der Experten lautete in Kurzform: „Hören Sie auf, sich auf das zu konzentrieren, was sie unbedingt erreichen wollen, hören Sie auf sich große Ziele zu setzen und konzentrieren Sie sich lieber auf das, was ihr Pferd Ihnen versucht mitzuteilen. Dann werden sie ihre Ziele erreichen und sogar wahrscheinlich übertreffen.“ Ich war völlig perplex und begriff zunächst einmal überhaupt nicht. Doch, aus welchen Gründen auch immer, dieser Satz blieb mir in Erinnerung.
Nach meiner Rückkehr  beschloss ich, mich nicht mehr auf mich, sondern auf den Partner unter mir zu konzentrieren. Ich glaube in der ersten Stunde, die ich mit diesem Vorsatz anging, entschied ich mich, auf das Ohrenspiel des Pferdes besonders zu achten. Es war, als hätte man mir einen besonderen Schatz überreicht. Ich spürte wie stark er versuchte, sich auf mich und die Therapeutin zu konzentrieren.  Dennoch stellte ich zunächst einmal nur fest, dass die Ohren ständig in Bewegung waren und  für mein Empfinden ein gutes Objekt zur Ablenkung darstellten. Ich selbst spürte auch, dass es mir plötzlich möglich war, die Übungen, die ich auf dem Pferd machen sollte, zu erledigen, ohne mich darauf zu konzentrieren, was ich eigentlich tat und somit selbst Bewegungen auszuführen, die mir im „Leben auf dem Boden“ sehr schwer fallen oder gar unmöglich sind. Seither entschied ich mich, in jeder Stunde, die ich mit ihm verbringen durfte, auf etwas anderes zu achten, so zum Beispiel die Schrittlänge, seine Atmung oder, so seltsam das auch klingen mag, auf das, was passierte, bevor oder während ein Pferd äppelt.

Seit dieser Zeit begann ich, mich intensiv mit dem Thema Pferdeverhalten zu beschäftigen. Insbesondere Körpersprache, Verhalten und sonstige Ausdrucksformen weckten mein Interesse. . Das Pferd, was oft nur als Therapeut gesehen und bezeichnet wird, war für mich viel mehr geworden. Es ist ein Lebewesen, das, so gut es kann, versucht, auf meine Bedürfnisse einzugehen und dass mir auf seine Weise auch etwas zu sagen hat. Es wurde für mich wichtig, dass ich die Sprache des Pferdes verstehen lernte. Ich wollte, dass auch ich ihm zeigen konnte, dass sich in mir etwas verändert hat. Ich wollte, dass mein Pferd verstehen lernt, dass ich Respekt und Anerkennung für das empfinde, was er mir gegeben hat und noch immer gibt. Ich wollte ihm ganz besonders dafür danken, dass er nie an meinem Körper verzweifelt ist, dass er mir nie auf seine Weise böse war. Im Gegenteil: ich hatte fast den Eindruck, in den Stunden, wo mein Körper besonders „anderes“ war, war er besonders konzentriert und wollte seine Sache besonders gut machen. Nach jeder Stunde, die ich absolvierte, stellte ich fest, dass ich mir mehr zutrauen konnte und auch, dass mein Körper, trotz all seiner Einschränkungen in der Lage war, Grenzen, die ich für mich selbst wahrnahm, oder Grenzen, die von anderen Menschen wahrgenommen worden waren, zu verschieben.

Seither habe ich verschiedene Pferdeverhaltenskurse besucht und sowohl die Kurse von Marlitt Wendt and auch die Kurse bei Tanja Budnick mit ihren wunderbaren und so vielfältigen Pferden haben mir neue und faszinierende Einblicke in eine wunderschöne, sanfte und emotionale Welt ermöglicht.

Allen, die mich auf diesem wunderbaren Weg begleitet haben und weiterhin begleiten, sage ich von Herzen Dank!

Und, wer nach so viel Schwärmerei noch Lust hat oder gerade erst Lust bekommen hat, sich über das therapeutische Reiten noch genauer zu informieren, dem sei die Webseite des „Deutschen Kuratoriums für therapeutisches Reiten“ ans Herz gelegt. Hier kann man sich umfassend kompetent zum Thema informiren.

Und trotz allem gilt nach soviel Text irgendwie immer noch: Oft sagt ein Bild so viel mehr als 1000 Worte

Begegnung zwischen einem fremden Pferd und mir im Sommer 2011

Manchmal brauchen Träume etwas länger…

… um in Erfüllung zu gehen. Nein, meine so sehr erwünschte Freundin habe ich leider noch immer nicht gefunden. Dafür ist es mir gelungen, mir einen anderen großen Traum zu erfüllen: Eine Woche Urlaub auf dem Reiterhof! Der Hof Grüneberg liegt im gleichnamigen Ort im schönen Brandenburg. Meine Assistenz habe ich mitgebracht. Die Abrechnung war … Manchmal brauchen Träume etwas länger… weiterlesen

Liebeserklärung an ein Pferd

Pferde sind wunderbare Wesen, das hat mein Therapiepferd am Montag wieder einmal bewiesen. Nicht nur, dass sie sanft und gutmütig war wie immer, sondern auch, dass sie einmal mehr ihre Weisheit bewies: kurz bevor wir beginnen wollten zu traben, blieb Shirley stehen. Sie hatte bemerkt, dass die Lounge ihres Pferdeführers noch verknotet hatte. Kaum war … Liebeserklärung an ein Pferd weiterlesen

Dankbarkeit

Dankbarkeit

In einer Zeit, in der die Welt immer verrückter zu werden droht, in der Gewalt und Hass leider immer präsenter und in immer wieder neuen Formen sichtbar werden, sollten wir zwei Dinge neu lernen: Das Glück in kleinen Dingen zu sehen und zu suchen und dankbar zu sein, für Orte oder Dinge, die uns innere … Dankbarkeit weiterlesen

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