Der nächste große Schritt in einer kurzen Stunde

Nachdem ich also nun zum ersten Mal – und das mit sehr großer Freude und zum Schluss sogar wirklich erlebtem Genuss – 30 Minuten auf dem Pferd gesessen hatte, hoffte ich, dass es nun regelmäßig auf dem neuen Termin weiterging. Doch, in der folgenden Woche erkrankte meine extra eingeplante Assistenz. Glücklicherweise konnte ich auf meinen ursprünglichen Termin zurück ausweichen, dann allerdings nur 20 Minuten. Dem anfänglichen „Schade“ folgte allerdings eine Stunde, die ich so schnell nicht vergessen werde.

Nach der ersten gemütlichen Einführungsrunde spürte ich plötzlich das Verlangen Shirley in der Bewegung streicheln zu möchten, etwas was ich mich bei ihr noch nie getraut hatte. Ich fühlte mich bei ihr an diesem morgen so sicher und so zu Hause, dass ich fast nicht anders konnte. Im ersten Versuch fühlte sich das Loslassen des Griffs aber dann aber doch noch derart wackelig an, dass ich den Versuch abbrach, bevor meine Hand Shirleys Fell berührte. So bekam sie ihre Streicheleinheit im Stehen. Doch der Wunsch sie in der Bewegung zu streicheln blieb und nachdem wir eine Sicherheitsrunde absolviert hatten, unternahm ich einen zweiten Versuch.

Dieses Mal ließ ich die Hand vorsichtiger los, versuchte mich erst, an das Gefühl zu gewöhnen und tatsächlich gelang es mir diesmal Shirley zu streicheln. Im Gehen ihr Fell berühren und ihre Wärme spüren zu können, war herrlich. Dieses Gefühl ist einer der Gründe, warum mir das Reiten so viel bedeutet. Pferde sind bereit so viel zu geben. Nachdem das erste Streicheln im Gehen so gut geklappt hatte, fragte mich meine Reittherapeutin, ob ich mich trauen würde, erst einen und dann beide Hände vom Pferd wegzunehmen und die Arme zur Seite zu strecken. Eine Übung, die ich von Felix zwar längst kannte, über dich ich mit Shirley aber dennoch einen Moment des Nachdenkens kostete. Ich wollte diesen Schritt gehen und spürte, dass es in dieser Stunde möglich war. Also ließ ich los, erst einen, dann schließlich beide Arme.

Was ich dann fühlte, lässt sich so schwer beschreiben: Die ersten vier Schritte (solange bis Shirley mit jedem Bein ohne Hand am Pferd einmal den Boden wieder berührt hatte) war da Unsicherheit, dann in meinem Kopf so etwas wie ungläubiges Staunen über mich selbst, das letzte Drittel der langen geraden Bah war dann ein Gefühl von Genuss und unbeschreiblichem Glück. Nicht nur, dass ich etwas geschafft hatte, was im Leben auf dem Boden mit Fug und Recht als nahezu unmöglich angesehen werden kann: Ich saß freihändig und mit verhältnismäßig geringer Seitensicherung auf einem Pferd das sich bewegte: Nein, es war auch dieses Gefühl, dass ich mich tragen lassen durfte, ich war frei, Shirley würde auf mich aufpassen. Es war das Erlebnis, dass das Vertrauen was ich in Shirley setzte nicht unbegründet war. Kurzum: Es war phantastisch und ich kann mein Glück kaum fassen, dass ich Shirley und diesen neuen Stall finden durfte. Es ist vielleicht das größte Geschenk, was ich seit sehr langer Zeit erhalten habe….

Auf dem Weg ein sehr gutes Team zu werden: Shirley und Torsten
Auf dem Weg ein sehr gutes Team zu werden: Shirley und Torsten